Sozialdemokratie im Sinkflug

Die SP verliert Wahlen um Wahlen. Diese Verluste werden in den Medien stark Thematisiert. Oft wird der Sozialdemokratie attestiert, sie sei nicht mehr Zeitgemäss und spräche ihre Wählerschaft nicht mehr an. In diesem Artikel möchte ich die Erkenntnisse der eidgenössischen Wahlen 2019 diskutieren und dem Sinkflug auf die Spuren kommen.

Frauenpartei?
Frauen tendierten stets stärker nach links als Männer. Daher erstaunt es wenig, dass insbesondere die SVP massiv weniger Frauen als Männer mobilisieren kann und das SP-Elektorat stets einen leichten Frauenüberschuss aufwies. In den Medien und von älteren Genossen wurde in der Vergangenheit oft kritisiert, dass sich die SP, insbesondere aufgrund von feministischen Themen, sowie Genderfragen, zu einer Frauenpartei entwickle. Dafür gibt es aktuell allerdings noch wenige Anzeichen. Der Anteil Stimmen für die Sozialdemokratie ist für beide Geschlechter in etwa gleichem Masse gesunken. Bei den Wahlen 2019 sind sogar mehr Frauen zu den Grünen gewechselt als Männer.

Unattraktive Politik?
Auch wird in den Medien häufig debattiert inwiefern die SP an ihrer Stammwählerschaft vorbei politisiere. Bei genauerem hinschauen hält dieses Argument hingegen nicht Stand. Die Selects Wahlstudie zeigt auf, dass die Kandidierenden der Mitte-Rechts Parteien, von GLP bis SVP, alle deutlich rechter eingestellt sind als ihr Elektorat. Allein die SP und Grünen weisen eine beinahe identische Übereinstimmung auf, was gerade für Polparteien sehr untypisch ist.
Weiter lohnt es sich einen Blick auf die Wählerwanderungen zu werfen. Die SP hat stark an die GLP und Grünen verloren. Die Verluste sind allerdings bei weitem nicht gleich gross. Bloss 6% der Personen welche 2015 SP wählten sind zur GLP gewechselt, während sich diese Zahl bei den Grünen auf 22% beläuft. Die GLP erhielt 2019 insgesamt 16% ihrer Stimmen von ehemaligen Wählenden der SP, während es bei den Grünen satte 34% sind. Damit kommen bei den Grünen mehr Stimmen von Personen welche 2015 SP wählten, als von Personen welche 2015 Grüne wählten.

Die Sozialdemokratie verliert insbesondere an die Grünen, obwohl die Politik der beiden Parteien beinahe identisch sind. Die Verluste sind in der Folge also nicht auf eine falsche Positionierung der Partei zurückzuführen.

Wo liegt das Problem?
Die SP hat zwei grundlegende Probleme. Eines ist strukturell Bedingt, das andere ist die Themenkonjunktur.
Im Gegensatz zur häufigen Behauptung die SP sei eine Elitenpartei, schneidet sie sehr gut bei schlecht gebildeten Schichten ab. Ein tatsächliches Problem für die Partei ist die Überalterung ihres Elektorates. Währen 1995 noch 26% der 18 bis 35-Jährigen SP wählten, waren es 2019 gerade mal noch 16%. Bei der Alterskategorie 35-54 ist ein ähnlich hoher Verlust zu erkennen. Bei den über 55-Jährigen, hingegen, haben die Stimmen seit 1995 um 3 Prozentpunkte zugenommen. Die SP konnte besonders schlecht bei der Mobilisierung von neu wahlberechtigten Personen abschneiden, was sich langfristig als grosses Problem für die Partei entwickeln wird.
Haupttreiberin der aktuellen Verluste ist allerdings die Themenkonjunktur. 2019 und in den Folgejahren hat politisch der Klimawandel dominiert. Erstmals wurde Umwelt und Energie als wichtigstes politisches Problem angegeben. Davon haben insbesondere die Grünen, aber auch die GLP profitiert. Gemäss Selects Walstudie geben 77% der Wählenden an die Grünen seien besonders engagiert un der Umweltpolitik und 47% attestieren den Grünen die höchste Kompetenz bei diesem Thema. Die Grünen performen ausschliesslich bei diesem Thema stark. Bei allen anderen Themen (Sozial-, Europa-, Migrations- und Wirtschaftspolitik) kommen sie höchstens auf 2% bezüglich Engagement oder Kompetenz. Die SP performt hingen speziell schlecht bei Umweltfragen, dafür bei allen anderen Themen erstaunlich gut. 2019 wählten satte 29% der Personen welche Umwelt als wichtigstes Problem angegeben haben die Grünen, 20% die SP und lediglich 14% die GLP.

Gute und schlechte Nachrichten
In der Folge hat die SP kein Problem der Positionierung. Die SP verliert insbesondere aufgrund der hohen Salienz von Umweltthemen. Schwingt die Themenkonjunktur um, ist mit besseren Resultaten zu rechnen. Der fortschreitende Klimawandel wird allerdings dazu führen, dass die SP einen grossen Teil iherer Verluste nicht mehr zurück erhält. Eine Bachelor Arbeit, welche aktuell verfasst wird, kommt zum Schluss, dass insbesondere die schlechte Parteibindung zur SP einen Wechsel zu den Grünen begünstigte. Zumal die Grünen massiv auf ehemalige SP Stimmen angewiesen sind, ist es wahrscheinlich, dass es regelmässig zu grösseren Wechseln zwischen den beiden Parteien kommen wird.
Beosnders beunruhigend für die Sozialdemokratie dürften die strukturellen Trends sein. Möchte die SP ihre Position als grösste linke Partei beibehalten, muss sie mehr Junge ansprechen und zur Wahl mobilisieren. Können Grüne und GLP die neu gewonnen Stimmen binden, werden die Grünen die SP langfristig überholen.

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